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Familienpflege vor dem Aus?

06.05.19 10:00
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Köln. Wenn Familien durch die Erkrankung eines Elternteils die Versorgung ihrer Kinder nicht mehr gewährleisten können, springt die Familienpflege ein – noch, denn immer mehr Dienste geben auf. Von den 14 Caritasverbänden im Erzbistum Köln bieten nur noch sechs Familienpflege an, vor zwei Jahren waren es noch acht. Das Problem ist die Finanzierung: Viele Krankenkassen weigern sich, die Kosten für eine Fachkraft zu übernehmen. Dabei haben Betroffene einen Rechtsanspruch auf Unterstützung.

Der Caritasverband im Rheinisch-Bergischen Kreis gehört zu denen, die nach wie vor Familienpflegerinnen entsenden. Für Marie-Luise Fuchs-Osterhammel, die den Dienst organisiert, beginnt mit jeder Anfrage ein Verhandlungsmarathon mit der Krankenkasse. Wie beispielsweise im Fall der jungen Mutter, die seit Jahren an Krebs erkrankt ist und bei der nun eine größere Operation ansteht. Viele Wochen wird sie ausfallen und ihre zwei kleinen Kinder, ein und drei Jahre alt, nicht versorgen können. 45 Euro pro Stunde müsse der Dienst eigentlich erwirtschaften, damit sich der Einsatz rechne, erklärt Fuchs-Osterhammel. Die Krankenkassen aber wollen oft nur 28 Euro zahlen.

Bis zu 90 solcher Anfragen bekommt Marie-Luise Fuchs-Osterhammel pro Jahr, die meisten davon muss sie ablehnen. Familienpflege kann in Anspruch genommen werden, wenn mindestens ein Kind unter zwölf Jahren oder ein behindertes Kind im Haushalt lebt und der erziehende Elternteil erkrankt. Meist schlagen die Kassen den Betroffenen zunächst vor, die Lücken mit Familienangehörigen oder Freunden zu füllen – gegen eine Aufwandsentschädigung. Oder sie genehmigen nur den Einsatz einer ungelernten Haushaltshilfe. „Betroffene müssen hartnäckig sein, um ihr Anliegen durchzusetzen. Doch gerade, wer sich in einer Extremsituation befindet, hat für solche Diskussionen keine Energie mehr“, sagt Ulrike Flenskov, zuständige Referentin beim Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln.

Eine ausgebildete Familienpflegerin hat eine dreijährige Fachausbildung absolviert, ist geschult im hauswirtschaftlichen, pflegerischen und pädagogischen Bereich. „Die Familienpflegekräfte müssen schnell erfassen, wie ein Haushalt geführt wird. Sie müssen Kinder versorgen und in der Lage sein, bei den Hausaufgaben zu helfen“, so Flenskov. Und bei allem gelte es auch, eine emotionale Distanz zu wahren, was gerade in Fällen schwerer, lebensbedrohlicher Erkrankungen für ungeschulte Kräfte nicht einfach sei. Flenskov: „Es gibt Situationen, da ist jeder Amateur überfordert.“

Mit den Krankenkassen laufen seit 2011 Verhandlungen über die Finanzierung des Einsatzes von Familienpflegerinnen. Bislang ohne Ergebnis. Ein Schiedsverfahren ist angestoßen, konnte aber ebenfalls noch keine Einigung bringen. Und das in Zeiten, wo die Nachfrage steigt, da ein Zurückgreifen auf innerfamiliäre Hilfe durch den gesellschaftlichen Wandel immer schwieriger wird. „Wenn die Entwicklung so weitergeht, stirbt der Familienpflegedienst einen schleichenden Tod“, sagt Ulrike Flenskov.

Marie-Luise Fuchs-Osterhammel versucht, ihren Dienst darum breiter aufzustellen und ihn so zu erhalten. Ihre Mitarbeiterinnen übernehmen beispielsweise Schulbegleitung, Haushaltsorganisationstrainings und Entlastungseinsätze im Auftrag der Jugendämter. Und manchmal gibt es auch Einsicht bei den Kassen, wie im Fall der krebskranken jungen Mutter. Da hatte die Kasse zwar zunächst abgelehnt, am Ende hat sie aber doch noch zugestimmt.