Es ist schon eine Zumutung!

29.04.20 14:00
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Susanne Schrammel (c) privat

Schwester Susanne Schrammel leitet das Malteserstift Marialinden (Overath). Im Telefon-Interview spricht sie über die Auswirkungen des Besuchsverbots, Quarantänestationen und darüber, wie man Menschen mit Demenz die vielen Einschränkungen vermittelt.  

Liebe Schwester Susanne Schrammel, das telefonische Interview führen wir gerade von HomeOffice zu HomeOffice. Klappt das bei Ihnen ganz gut?

Schrammel: Ja, hin und wieder bin ich natürlich schon vor Ort, aber das Organisieren von Zuhause aus funktioniert gerade auch ganz gut. 

Wie viele Bewohnerinnen und Bewohner leben in Ihrer Einrichtung – und wie viele Mitarbeitende beschäftigen Sie?

Schrammel: Aktuell leben 92 alte Menschen in unserem Stift und wir haben circa 70 Mitarbeitende in der Pflege, wenn man die Hauswirtschaft dazu rechnet, sind es insgesamt 86. 

Gibt es bei Ihnen schon Fälle von Corona-Infizierten?

Schrammel: Nein, Gott sei Dank sind wir bis jetzt verschont geblieben. 

Welche Vorsichtsmaßnahmen haben Sie ergriffen? Gibt es im Haus eine Quarantänestation?

Schrammel: Ja, wir haben einen Quarantänebereich in der unteren Ebene geschaffen. Aktuell sind da nur ein paar Personen drin, zum Beispiel diejenigen, die aus dem Krankenhaus gekommen sind und dann automatisch 14 Tage in Quarantäne müssen. Es wird dann immer ein Abstrich gemacht, der bislang zum Glück immer negativ war. Wenn keine Symptome auftreten ist dann alles gut und wir müssen nicht mehr testen.

"Man muss bedenken, dass die Hälfte
der älteren Menschen es nicht
versteht oder nach zwei Minuten
nicht mehr präsent hat."

 

Wie sieht es bei Ihnen mit Schutzmaterialien aus?

Schrammel: Die Versorgung ist jetzt besser geworden, wir haben keine akute Not. Im Quarantänebereich müssen wir uns komplett vermummen. Ansonsten desinfizieren wir uns und die Oberflächen, tragen Mundschutz. Alles viel mehr als ohnehin schon üblich.

Wie gelingt angesichts des Besuchsverbots der Umgang mit Angehörigen?

Schrammel: Mit den Angehörigen telefonieren wir und machen WhatsApp-Videoanrufe. Soziale Betreuer helfen dabei und das macht die Bewohnerinnen und Bewohner in jedem Fall glücklich. Wir dürfen Angehörige nur zu Sterbenden lassen. Wir machen uns schon Sorgen und Gedanken, wie es nach einer Lockerung aussehen kann. Vielleicht schaffen wir einen Raum extra für Besuche und statten uns mit Plexiglasscheiben aus. Vielleicht sind dann auch Treffen draußen mit Abstand möglich. 

Wie ist die Stimmung bei den älteren Menschen?

Schrammel: Die sind mehrheitlich eigentlich sind ganz gut drauf. In Einzelgesprächen erreichen wir viele Bewohner und haben das Ohr bei ihnen. Eine Dame, die vorher schon eher introvertiert war, leidet jetzt natürlich noch mehr, trotz der ermutigenden Worte von unserer Seite. Die etwas Mobileren möchten Mal zum Edeka oder zu einem Geschäft gehen, das vermissen sie schon. Spaziergänge mit gebührendem Abstand voneinander auf dem Parkgelände sind ok, alles andere müssen wir verbieten. Man muss bedenken, dass die Hälfte der älteren Menschen es nicht versteht oder nach zwei Minuten nicht mehr präsent hat. Da müssen wir erklären und erklären. Viele vermissen auch die Feste und fragen danach. 

Keine Besuche, keine Feste… Was findet denn überhaupt statt, um den Alltag ein bisschen abwechslungsreicher zu gestalten? 

Schrammel: Gott sei Dank war das Wetter lange schön! Eine Mitarbeiterin von uns hat einen Aufruf bei Facebook gestartet. Wir sind so dankbar, dass viele Musiker vorbeikommen und draußen für die Bewohnerinnen und Bewohner spielen – das geschieht alles ehrenamtlich! Mit dabei sind Harfen- und Gitarrenspieler, Kirchenmusiker und Drehorgelspieler. „Stift und Papier“ ist eine Aktion von Menschen, die vor allem älteren Menschen Briefe schreiben. Diese Woche erhalten unsere Bewohner die ersten Briefe. 

Wie empfinden Sie persönlich die ganze Situation? 

Schrammel: Es ist schon eine Zumutung! Ich freue mich aber, wie gut alle an einem Strang ziehen. Man ist gegenseitig aufmerksamer, aber wir sind schon auch sehr am Rödeln… Es ist ein ziemlicher Stress. Wir hoffen, dass wir weiterhin verschont bleiben und dass etwas mehr Alltag zurückkehren kann. Das täte allen gut. 

Das Interview führte Pia Klinkhammer